Geistlicher Impuls, 11. Sonntag nach Trinitatis

Geleitet wird unser Singen und Handeln von der Hoffnung auf einen barmherzigen Gott

Geleitet wird unser Singen und Handeln von der Hoffnung auf einen barmherzigen Gott

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, 11. Sonntag nach Trinitatis

Eine andere Form des geistlichen Impuls

da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
Lied 299 „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir…“

1) Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?


2) Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
die Sünde zu vergeben;
es ist doch unser Tun umsonst
auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann;
des muss dich fürchten jedermann
und deiner Gnade leben.

3) Darum auf Gott will hoffen ich,
auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich
und seiner Güte trauen,
die mir zusagt sein wertes Wort.
Das ist mein Trost und treuer Hort;
des will ich allzeit harren.

4) Und ob es währt bis in die Nacht
und wieder an den Morgen,
doch soll mein Herz an Gottes Macht
verzweifeln nicht noch sorgen.
So tu Israel rechter Art,
der aus dem Geist geboren ward,
und seines Gottes harre.

5) O bei uns ist der Sünden viel,
bei Gott ist viel mehr Gnade.
Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
wie groß auch sei der Schade.
Er ist allein der gute Hirt,
der Israel erlösen wird
aus seinen Sünden allen.
Die Lieder des Ev. Gesangbuches stehen immer wieder mal in der Diskussion. Mal sind die Lieder zu alt, zu schwerfällig oder zu modern und platt. Aber gerade die alten Lieder haben eine überraschende Aktualität. Zuvor muss man sich dem historischen Kontext bewusst werden: Welche Glaubensaussagen wurden seinerzeit für selbstverständlich gehalten? Welche politischen, wirtschaftlichen oder welche geistigen Umbrüche haben die Entstehung des Liedes begleitet und geprägt?
Das Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ schrieb Martin Luther um die Jahrhundertwende 1523/24 als Nachdichtung des Bußpsalms 130. Das Lied erinnert uns daran, dass an der tiefen Not niemand vorbeikommt. Sie gehört zum Leben dazu. Zu allen Zeiten schreien Menschen aus tiefer Not zu Gott. Not kann unverschuldet über Menschen kommen und es gibt die Not, die wir selbst zu verantworten haben. Not, die in uns selbst entsteht durch Gedanken und Worte, durch Neid und Zweifel...
Gut, wenn es dann jemanden gibt, an den ich mich wenden kann. „Gnädige Ohren“, in die ich hinein meine Not schreiben kann. „Dein gnädig Ohr neig her zu mir und meiner Bitt sie öffne“ (299, 1). Die Psalmen sind solche Rufe von Menschen in tiefer Not.
„Aus der Tiefe rufe ich Herr, zu dir:
Herr, höre meine Stimme, lass meine Ohren merken auf mein lautes Flehen! Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, wer kann bestehn! Doch bei dir ist die Vergebung, auf dass man dich fürchte.“
(Ps 130)
Gott kennt kein Tabu. Mit ihm können wir über alles reden. Wir dürfen ihm klagen, sogar mit ihm schimpfen. Aus tiefer Not, aus der Tiefe, schreie ich zu dir. Dem Beter steht also das Wasser bis zum Hals. Er hat den Boden unter den Füßen verloren, ist am Ende, weiß weder ein noch aus. Doch was beendet tiefe Not?
Zunächst müssen wir aushalten, es nicht zu schaffen. „Es ist doch unser Tun umsonst“ (299, 2). Aber: Der Beter lässt sich nicht unterkriegen. Selbst in größter Not bleibt er beharrlich und kämpft. Nichts kann ihn von der Überzeugung abbringen, dass Gott helfen kann und helfen wird. Diese Beharrlichkeit hat Luther selbst bis in die Tiefe seiner Existenz durchlebt, oft verzweifelt, doch nie hoffnungslos. Hoffnung auf Gott steht gegen den wackeligen Grund meines brüchigen eigenen Erfolges. Gottes Gnade und Gunst gilt – immer: wir brauchen uns vor Gott nichts zu beweisen und zu verdienen. Er ist uns in seiner Güte gut. So setzt Luther sein ganzes Vertrauen auf Gott und sein Wort – seine Zusage, dass er, Gott, da sein wird, ja bereits da ist, auch dann, wenn wir ihn nicht sehen, auch und gerade dann, wenn es uns schwer fällt zu vertrauen. „Das ist mein Trost und treuer Hort; des will ich allzeit harren“ (299, 3).

Ich denke, Luther stand in seinem Ringen ums seelische Überleben die Sprache der Musik als Therapie zur Seite. Martin Luther äußerte sich 1530 in einer kurzen Schrift „Über die Musik“ wie folgt: „Ich liebe die Musik, auch gefallen mir nicht, die sie verdammen, die Schwärmer.
1. Weil Musik die Gabe Gottes und nicht der Menschen ist;
2. weil sie die Seelen fröhlich macht;
3. weil sie den Teufel vertreibt;
4. weil sie unschuldige Freude macht. Dabei vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Den ersten Platz gebe ich der Musik nach der Theologie. Das ergibt sich aus dem Beispiel Davids (…).“
Psalm 130 hat Musiker aller Generationen inspiriert: von Bach über Mendelssohn bis Leonard Bernstein. Martin Luther machte aus dem Psalm einen Gemeindegesang und begründete damit die Tradition des strophischen Psalmliedes.
Auch wenn wir persönlich vielleicht keine Not leiden, können wir das Lied in Gottesdiensten singen. Es wird zum Ausdruck von Solidarität mit den Menschen, an denen Schuldgefühle nagen und die sich in einer hoffnungslosen Situation wähnen.
Mit dem Lied geben wir jenen eine Stimme, die aus Verzweiflung verstummen, rufen jene in Erinnerung, die von der Welt vergessen sind. „Vor dir niemand sich rühmen kann“ (299, 2). Selbst sind wir in die Zusammenhänge von Unglück und Schuld verstrickt. Wir stellen uns der Verantwortung, zu der jene gerufen sind, die in einer besseren Lage sind und die Handlungsspielraum haben, um Not zu lindern. Geleitet wird unser Singen und Handeln von der Hoffnung auf einen barmherzigen Gott, der das geknickte Rohr nicht zerbricht (vgl. Mt 12,20). „Ob bei uns ist der Sünden viel, bei Gott ist viel mehr Gnade“ (299, 5). So wie der Morgen kommt nach langer Nacht, so werden wir gerettet und erlöst – aus tiefer Not.
Gott sei Dank. Amen.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir

Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg