Geistlicher Impuls, 14. Sonntag nach Trinitatis

13.09.2020

13.09.2020

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, 14. Sonntag nach Trinitatis

Eine andere Form des geistlichen Impuls

Da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls für den Geistlicher Impuls, 14. Sonntag nach Trinitatis senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
Wir freuen uns über den geistlichen Impuls von Herrn Prälat i. R. Dr. Barié.

Lukas 19,1-10
„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Jesus ist gekommen, um uns zu suchen.
Gesucht müssen wir werden, denn wir verlieren uns in schweren Sorgen. Wer sich bei Schneetreiben oder im Wald verirrt hat, läuft im Kreis. Ohne rechte Orientierung drehen wir uns nur noch um uns selber. Wie gut, dass der Menschensohn gekommen ist, zu suchen, was verloren ist.
Wer sein Herz an Geld und Gut verloren hat, ist ein armer Tropf. Ich hatte einen reichen Onkel. Seine Ehe blieb kinderlos. Als er an Lungenkrebs starb, war er bis zum Tod von der Sorge gepeinigt, er hätte nicht genug, sein Geld würde nicht reichen. Von daher verstehe ich das Lied, das in meiner ersten Gemeinde in Lörrach im Kindergottesdienst gesungen wurde: „Zachäus, armer reicher Mann….“. Wie gut, dass Jesus gekommen ist, „zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Unsere Hoffnung ist, dass wir gesucht und gefunden werden und nicht auf ewig verloren gehen im schaurigen, höllischen Kreislauf der Sorgen um uns selber.
Mit Jesus ist ein Erlöser gekommen, kein Entertainer. Der Heiland ist gekommen, selig zu machen in Zeit und Ewigkeit. Er schließt uns den Himmel auf, wo „Freude sein wird vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Luk 15,10). Dann drehen wir uns nicht mehr um uns selber, sondern leben in der unüberbietbaren Freude, dass wir gesucht und gefunden sind. „Selig sein“ ist in unserer Sprache der Zustand des höchsten Glücks.
Auf seinem Weg, „zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“, kommt Jesus nach Jericho. „Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.“ Da hakt es bei uns aus: <> „Und war reich“ – wie die zehn Prozent der Deutschen, denen 66 Prozent des privaten Geldvermögens gehören. In Jericho, wo Zachäus sein stattliches Vermögen angesammelt hatte, lebte auch der arme Bartimäus. „Er war ein Blinder und saß am Wege und bettelte.“ (Luk 18,35).
„Und war reich“ - da hakt es bei uns aber nicht nur aus, da hakt es auch ein. „Wer wird Millionär?“ ist eine beliebte Sendung im Fernsehen. Und manche spielen Lotto in der Hoffnung, eines schönen Tages einer zu sein, von dem es heißt: „und war reich“. An wen denken Sie, wenn von einem Menschen gesagt wird „er war reich“? Denken Sie dann auch an sich selber? Aus der Sicht von Milliarden Menschen auf dem Globus wären wir Deutsche alle reich. Selbst noch die Frau mit der Kleinrente wäre reich, verglichen mit der Frau, die in Bangladesch in einer maroden Textilfabrik schuftet, damit wir billige Kleider kaufen können. Albert Schweitzer hat in einer Predigt in Straßburg gesagt: „Besitzender ist jeder, der abends beim Zubettgehen etwas für den nächsten Tag übrig behalten hat.“
Von Zachäus wird gesagt, dass er „begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre.“ Zachäus konnte Jesus nicht sehen wegen der Menge am Straßenrand, denn „er war klein von Gestalt“. Zachäus, „klein, aber oho“, weiß sich zu helfen: „Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen, denn dort sollte er durchkommen.“ Möglicherweise hat ihm das viel Spott eingebracht. Ein betuchter Herr im besten Alter, der vor den Augen der Leute einen Baum besteigt! Zachäus will Jesus unbedingt sehen. Das war sein Glück, denn „als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“ Wenn sich eine Lebenswende anbahnt, ist keine Zeit zu verlieren. Hier wird auf’s Tempo gedrückt. „Er lief voraus“. Jesus sagt zu ihm: „Steig eilends herunter!“ „Ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Die Geschichte passt gut in unsere Zeit, wo alles schnell gehen muss. Wo kaum einer sich die Zeit nimmt für das, was ein Leben zum Guten verändert. Doch sobald Jesus die Haustür des Zachäus durchschritten hatte, hat er es nicht mehr eilig. Zachäus nahm seinen Gast „auf mit Freuden.“ Wann haben Sie zuletzt einen Gast bei sich „mit Freuden“ aufgenommen? So, dass sie ganz beschwingt waren!? Es müsste ja jemand gewesen sein, mit dessen Kommen sie nicht gerechnet haben. Sie hatten ihn längere Zeit nicht mehr gesehen. Als Überraschungsgast stand er vor ihrer Tür, oder hat sie im Krankenhaus besucht. Sie wussten sich gar nicht zu fassen vor Glück. Ihre Augen strahlten. Während drinnen im Hause des Oberzöllners reine Freude herrscht, rotten sich auf der Straße viele zusammen und empören sich. „Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“ Nicht bloß die Schriftgelehrten, die aus den Heiligen Schriften des Volkes Israel wussten, was sich gehört, murrten. Alle motzten „und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“ „Bei einem Sünder“. Wir heutigen Christen könnten denken: was ist denn schon dabei, wenn Jesus bei einem Sünder einkehrt? Jeder ist Sünder. „Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms, den wir bei Gott haben sollten.“ (Vgl. Röm 3,23). So zu denken ist nicht verkehrt. „Sünder“ im Sinne der biblischen Geschichte sind freilich Menschen, deren Lebensweise fortwährend im Widerspruch zu Gottes Forderungen steht. Sein Beruf machte Zachäus zu einem Sünder. Den Zollpächtern warf man Willkür, Habsucht und Kollaboration mit den Besatzern vor. In Judäa versagte man ihnen die bürgerlichen Ehrenrechte. Sie wurden vor Gericht nicht als Zeugen zugelassen. Im Neuen Testament werden sie in einem Atemzug mit Räubern und Betrügern genannt. (Luk 18, 11) Wer etwas auf sich hielt, zeigte ihnen seine Verachtung. Und er verachtete auch den, der sich mit so einem stadtbekannten Ausbeuter an einen Tisch setzte, wie Jesus es hier tat. „Heute muss ich in deinem Haus einkehren.“ Jetzt wäre eine richtige Bußpredigt fällig. Im Haus des Reichen könnte Jesus mal eine Standpauke halten! Du lebst auf Kosten anderer! Durch Unrecht bist du reich geworden! Mit solchen Vorwürfen könnte Jesus den Oberzöllner eindecken. Aber die Bußpredigt ist gar nicht nötig. Zachäus war überwältigt von der Freude, dass Jesus zu ihm kam. Er war beschwingt von dem Glück, das er nicht fassen konnte. Er musste sich nicht lange besinnen. „Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Versuchen wir, uns praktisch vorzustellen was die Freude über seinen Besucher bei Zachäus bewirkt! Wie viel müssten wir hergeben, wenn wir die Hälfte unseres Besitzes den Armen geben würden? Wären das Tausend Euro oder 30.000? Mit einem Schlag waren bei Zachäus 50 Prozent seines Vermögens weg, abgegeben an die Armen. In seiner Freude geht Zachäus noch weiter: „und wenn ich jemand betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Nachdem Zachäus reinen Tisch gemacht hatte, ungezwungen, freiwillig, aus lauter Freude, wurde er durch Jesus wieder eingesetzt in seine Rechte als Glied des jüdischen Gottesvolkes. „Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.“
Ob der Besuch bei Zachäus ein Modell sein könnte für Hausbesuche kirchlicher Mitarbeiter? Dass auch jene aufgesucht werden, die in der Stadt einen schlechten Ruf haben? Um ihnen das Evangelium von Jesus zu überbringen, dem Heiland, der „gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg