Geistlicher Impuls, 15. Sonntag nach Trinitatis

Jeder Morgen ist so neu wie der erste Morgen der Schöpfung.

Jeder Morgen ist so neu wie der erste Morgen der Schöpfung.

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, 15. Sonntag nach Trinitatis

Eine andere Form des geistlichen Impuls

da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
EG452 Er weckt mich alle Morgen, / er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, / führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte / begrüß das neue Licht. Schon an der Dämm-rung Pforte / ist er mir nah und spricht

Ich möchte unsere Gedanken heute hinlenken auf eine Wirklichkeit, die uns Kraft für diesen neuen Tag schöpfen lässt: auf Gott. Von Gott spricht das Morgenlied: "Er weckt mich alle Morgen". Das Lied von Jochen Klepper eröffnet uns einen befreienden Blick auf den neuen Tag. Denn es öffnet uns den Blick für Gottes Frieden und sein wohltuendes Handeln für alle Menschen. Am Morgen stehen eben nicht nur die Sorgen mit auf. Vielmehr ist Gott es selbst, der uns einen neuen Tag schenkt und uns in seiner Treue auch durch diesen Tag begleitet. Nicht von dem, was wir heute alles tun müssen, singt dieses Lied, sondern von dem, was Gott alles für uns tut.
"Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr." Mehr noch:
"Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht." Jochen Klepper beginnt den neuen Tag mit dem Hören auf Gottes Wort. Für den Dichter, der in einer schweren und bedrohlichen Zeit lebte, ist das keine lästige Pflichtübung. Vielmehr hat er schon oft die Erfahrung gemacht, dass Gottes Worte ihm den neuen Tag in ein freundliches Licht gestellt haben. Durch das Lesen in der Bibel oder in den Losungen hat er erfahren: Der neue Tag ist Gottes Geschenk für mich. In den Tagebüchern von Jochen Klepper können wir das nachlesen. So lesen wir zum Beispiel in einer Tagebucheintragung, der Klepper wie immer einen Bibeltext voranstellt, folgendes: "12. April 1938 / Dienstag
Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre wie ein Jünger. Der Herr hat mir das Ohr geöffnet; und ich bin nicht ungehorsam und gehe nicht zurück. - Denn ich weiß, dass ich nicht zu Schanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht. (Jesaja 50, 4.5.7.8.)
Weicher, glänzender Tag. Meine kleinen Osterbesorgungen für Mutter, Frau und Töchter. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so schön.
Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, die Worte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren."
Wie unzählig viele Menschen vor ihm und nach ihm hat Jochen Klepper eine wesentliche Erfahrung gemacht:
Die Worte Gottes sind von einer ganz besonderen Kraft. Davon singt auch die zweite Strophe:---
2 Er spricht wie an dem Tage, / da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; / nichts gilt mehr als sein Ruf. Das Wort der ew'gen Treue, / die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs Neue/ so, wie ein Jünger hört.-
Jochen Klepper stellt den liebevollen Weckruf Gottes, mit dem er uns einen neuen Tag schenkt, in den Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt. So erzählt der erste Schöpfungsbericht: Gott hat die Welt durch sein Wort erschaffen. Es heißt: "Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." (1. Mose 1, 3) Gott spricht. Dadurch schenkt er Leben. Gott spricht bis heute und dadurch schenkt er mir heute einen neuen Tag. Jeder Morgen ist so neu wie der erste Morgen der Schöpfung.
Das ist doch sehr befreiend: Gott schenkt mir jeden Tag. Einzeln. Ich kann und muss heute nicht mein ganzes Leben auf einmal gestalten. Nicht alle Probleme meines Lebens muss ich heute lösen. Jeder Tag ist neu. Jeder Tag ist einzigartig. Jeden Tag empfange ich aus Gottes Hand wie ein neugeborenes Kind. Am Morgen empfange ich aus Gottes Wort seine Ermutigung für diesen Tag.
Wer dagegen gleichzeitig seine Vergangenheit und seine Zukunft schultern will, der überlastet sich gnadenlos. Heute ist der einzige Tag, den ich wirklich gestalten kann. Ich kann ihn gestalten mit Gottes Hilfe, der mich Morgen für Morgen neu durch sein schöpferisches Wort anspricht. Klepper sagt es so: "Das Wort der ew'gen Treue, / die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs Neue / so, wie ein Jünger hört."
Wie macht man das eigentlich: Hören, wie ein Jünger hört? Eine sprachliche Beobachtung hilft uns da weiter. Das Wort "Jünger" steht im Alten und im Neuen Testament immer da, wo man genauer mit "Lernen-der" übersetzen könnte. Das heißt: Wer Gottes Wort richtig hören will, der muss sich eingestehen, dass er ein Lernender ist. Wir haben die Wahrheit nicht für uns gepachtet - schon gar nicht vor Gott. Und das ist gut, wenn wir das wissen.
Denn mit unseren eigenen Gedanken und Weisheiten bleiben wir meistens nur bei uns selber stehen; bei unseren eigenen Leistungen, aber auch Sorgen; bei unserer eigenen Hoffnung, aber auch Mutlosigkeit. Deshalb ist es ein großer Gewinn, wenn uns Gott schon am Morgen durch sein Wort bei der Hand nimmt und uns den neuen Tag aufschließt.
Es hat etwas Befreiendes, wenn ich mir als Lernender eingestehen kann, dass mir Gott immer voraus ist. Deshalb kann mir Gott den Weg zeigen. Gott sieht immer weiter als wir. Das ist manchmal tröstlich, wenn wir uns in unseren engen Perspektiven festgefahren haben. Das ist manchmal unbequem, wenn wir im Lichte Gottes zugeben müssen, dass auch andere Meinungen gar nicht so falsch sind, gegen die wir mit unserer Dickköpfigkeit Sturm laufen.
Es kommt also darauf an, dass wir Gottes Wort mit einer Offenheit hören, so wie es Jünger beziehungsweise Lernende tun. Daran wird sich auch die Zukunft unserer Kirche entscheiden. Das war übrigens schon die Erkenntnis des jungen Martin Luther, der wusste, dass eine Reformation der Kirche nur durch ein echtes Hören auf Gottes Wort stattfinden kann. Deshalb war es gut, dass die christlichen Kirchen das Jahr 2003 zum "Jahr der Bibel" erklärt hatten. Die Bibel soll und muss immer wieder erneut öffentlich ins Gespräch gebracht und vor allen Dingen gelesen werden.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir

Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg