Geistlicher Impuls, 16. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, 16. Sonntag nach Trinitatis

Eine andere Form des geistlichen Impuls

da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
EG 452 Die dritte Strophe des Morgenliedes singt nun davon, dass ich mich dem Wort des schenkenden Gottes anvertrauen soll.---
3 Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden. / Gott macht mich ihm genehm.-
... wenn ich nur ihn vernehm."

Aber es ist gar nicht so leicht, Gottes Stimme herauszuhören; ihn zu "vernehmen" neben den vielen anderen Stimmen, die Tag für Tag unser Ohr erreichen wollen. Gott legt es offenbar nicht darauf an, die Geräusche unserer lauten und kriegsbeladenen Welt brüllend zu übertönen. Sein Reden ist in der Regel so leise und so behutsam, dass ein Mensch es sehr wohl überhören kann. Gottes Stimme ist das absolute Gegenteil zu dem, was unsere heutige Sprache mit dem Ausdruck "zudröhnen" meint. Gottes Worte dröhnen uns nicht zu, sondern sie locken und werben liebevoll. Gott spielt sich nicht auf wie ein Weltpolizist, der mit kriegerischen Mitteln für Recht und Ordnung sorgen will. Gottes Worte sind wie die Klänge einer wunderschönen Musik, deren Reichtum sich uns desto mehr aufschließt, je mehr wir eine innere Stille haben.
Leider fehlt uns diese innere Stille oft, auch mir. Ja, sich intensiv dem Wort der Bibel öffnen und ihm nachlauschen und nachsinnen...

Auch Jochen Klepper hat sich manchmal selbstkritisch gefragt, ob er denn nicht weltfremd sei, wenn er sich so intensiv auf das Wort der Bibel einlässt. Davon berichtet eine Tagebucheintragung, die er eine Woche nach dem Schreiben des Morgenliedes gemacht hat (20.4.1938):
"Wie oft fürchtete ich, dass ich der Bibel jeden Tag mehr zugestehe, als ich verantworten kann. Und nun sehe ich beglückt, wie man an mehreren Stellen zugleich gerade nach meiner Bibelarbeit fragt:
das ist das Schönste, das mir im Beruf begegnete!" Es war also richtig, was er eine Woche zuvor gedichtet hatte. Die Verheißung der Bibel hat sich für ihn wieder einmal erfüllt: "Ich werde nicht zu Schanden, / wenn ich nur ihn vernehm."
Jochen Klepper war ein Liebhaber des Wortes Gottes. Hier hat er Kraft und Mut für seinen oft beschwerlichen Alltag gefunden. Und diese Kraftquelle hat er nicht zuletzt durch seine Lieder vielen seiner Zeitgenossen erschlossen, die selbst mit Ängsten und Sorgen belastet waren. So schreibt zum Beispiel gegen Ende des Jahres 1939 eine Frau an Klepper:
"Lieber Herr Klepper, verzeihen Sie, dass ich nicht schreiben kann: ‚Sehr geehrter - -', obwohl ich Sie gar nicht kenne; ich lebe aber seit einem Jahr so stark mit "Ihren Gedichten", dass ich es Ihnen einmal sagen muss. "Die Lieder" geben in den schlichten Worten Unendliches, Unausschöpfbares her an innerem ‚Wissen', an Leiderfahrung, an Gebetserfahrung, an Zur-Ruhe-Kommen nach großen Schmerzen. Ihre Worte gehen so tief, so sehr ins schonungslose Leid, in Qual und Heimweh des Herzens, dass ich manchmal fra-gen muss, kann das alles wirklich ein Mann geschrieben haben? Bitte missverstehen Sie mich nicht! Nicht dass ich meine, ein Mann könne nicht so tief fühlen wie eine Frau. Nein, das andere:
Kann ein Mann wirklich so zutiefst demütig sein und zugleich so frei? Das hilft so wunderbar."---

4 Er ist mir täglich nahe / und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe, / gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat's hier der Sklave, / der Herr hält sich bereit,
dass er ihn aus dem Schlafe / zu seinem Dienst geleit.

In der morgendlichen Begegnung mit dem Wort Gottes können wir erfahren: "Er ist mir täglich nahe / und spricht mich selbst gerecht." Vielleicht stolpert mancher darüber, dass in dieser Strophe vom "Knecht" die Rede ist, ja sogar vom "Sklaven". Sprachlich hat das damit zu tun, dass Klepper sich mit dem Geschick des alttestamentlichen Gottesknechts identifiziert. Auch Klepper weiß sich von Gott gerufen und beauf-tragt, in der trostlosen Zeit des Nationalsozialismus Gottes Wahrheit zu verkünden und "mit den Müden zu rechter Zeit zu reden." (Jes 50, 4)
Mit den Worten dieses Gottesknechts hat er sein Morgenlied gedichtet. Aber eben: Selbst der Knecht, selbst der Sklave hat es bei Gott gut, denn "der Herr hält sich bereit, dass er ihn aus dem Schlafe / zu seinem Dienst geleit." Bei allem Schönen und auch bei allem Schweren in unserem Leben sollen wir wissen: Gott ist nah. Er spricht zu uns: Worte des Friedens und der Ermutigung. Wir sind dazu eingeladen, auch diesen Tag neu aus Gottes treuer Hand zu empfangen. Wir sind nicht allein.

Er will uns früh umhüllen, sein Wort will hell erstrahlen, wie dunkel der Tag auch sei.
5 Er will mich früh umhüllen / mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen, / damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen, / fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen, / wie dunkel auch der Tag.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir

Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg