Geistlicher Impuls, 4. Sonntag nach Trinitatis

Evangelisches Stift Freiburg Geistlicher Impuls Vergebung 2020 07 05

Evangelisches Stift Freiburg Geistlicher Impuls Vergebung 2020 07 05

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, 4. Sonntag nach Trinitatis

Eine andere Form des geistlichen Impuls

Da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls für den Geistlicher Impuls, 4. Sonntag nach Trinitatis senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn ich bin unter Gott. Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
Genesis 50, 15 ff

Gott wendet alles zum Guten

Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, die in Genesis 37 mit den Träumen Josefs beginnt, ist einer der spannendsten Familiengeschichten in der Heiligen Schrift. Inspiriert durch eine Palästinareise hat sich Thomas Mann in drei Bänden mir dieser Familiengeschichte auf seine Weise literarisch befasst. In dieser Familiengeschichte finden wir viele unserer menschlichen Schwächen und Reaktionen.

So erregt Josef, als Lieblingssohn seines Vaters Jakob, den Neid und die Missgunst seiner Brüder. Es geht so weit, dass es in tiefen Hass umschlägt und einige Brüder ihn umbringen wollen. Ruben konnte seine Brüder davon abbringen und so einigten sie sich, ihn an eine Karawane nach Ägypten zu verkaufen, die gerade vorbeikam. Aus den Augen, aus dem Sinn. Das Problem schien gelöst. Dem Vater sagte man, Josef sei einem wilden Tier zum Opfer gefallen.

Wie schnell sind gerade Kinder verletzt, wenn sie sich benachteiligt fühlen. Manchmal entwickeln sie Neid und Missgunst. Das kann sich bis ins Erwachsenenalter ziehen. Oft ist unter Geschwistern ein Leben lang diese negative Erfahrung prägend, bis dahin, dass der Kontakt abgebrochen wird. Josef durchläuft in Ägypten eine besondere Karriere. Er wird Stellvertreter des Pharaos, mit großen Machtkompetenzen.

Als im ganzen Land eine Hungernot ausbricht und nur Ägypten noch genügend Korn hat, schickt Jakob seine Söhne dorthin. Zunächst bemerken sie nicht, dass der einflussreiche Mann, vor dem sie stehen, ihr Bruder ist. Als sie ihn erkennen, kommt die Angst. Sie fürchten nun seine Rache, da sie so schändlich mit ihm umgegangen sind. Doch Josef zeigt Größe. Er vergibt ihnen und holt später seine ganze Familie nach Ägypten. Das ist wahre Größe, wenn man nach einer so tiefen Verletzung, sich selbst und seine Gefühle zurückstellen kann und dem anderen die Hand zur Vergebung reicht.

Jakob lebte noch einige Jahre in Ägypten. Als er starb, kam die Urangst und Unsicherheit der Brüder wieder. Der Vater, als Schutz, fehlte nun. Um Josef gnädig zu stimmen, fallen sie vor ihm nieder. Josef aber verweist darauf, dass er sich an das hält, was Gott entschieden hat. Gott hat es zum Guten gewendet. Josef kennt seinen Platz und weiß sich von Gott geleitet und geführt, besonders in schwierigen Lebensphasen. Er kann seinen Brüdern ganz klar zu sagen, dass sie ihm zwar Unverzeihliches angetan haben, doch er sehe selbst in ihrem bösen Handeln, Gottes Willen. So kann er sie aus tiefsten Herzen trösten, ihnen Mut machen und ihnen sagen, dass er für sie und ihre Familien ein Leben lang sorgen wird. Von dieser menschlichen Größe Josefs können wir lernen, alles Geschehen als Gottes Werk zu sehen. Vielleicht können auch wir dann wie Josef sagen:

Gott hat alles zum Guten gewendet.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Versöhnt leben

Sympathisch oder unsympathisch? S'gibt Badische und Unsymbadische...

Oft fällt innerhalb weniger Sekunden die Entscheidung. Auch mit dem moralischen Urteil geht es sehr schnell.

Wir „wissen“ meist sehr gut, was verwerflich ist, und tun lautstark oder subtil unsere Verachtung kund. Doch: „Vorsicht vor solchen Urteilen!“, warnt der 4. Sonntag nach Trinitatis. Denn es gibt niemanden, der ohne Fehler ist, der nicht immer wieder der Großzügigkeit und der Nachsicht bedarf. Einzig Gott ist es, der richten kann.

Darum ermutigt Jesus zum Vergeben: Wer aus dem Bewusstsein lebt, dass Gott ihm barmherzig entgegenkommt, der kann versuchen, versöhnt zu leben – wie Josef, der seinen Brüdern nach langer Zeit das Unrecht verzeiht, das sie ihm angetan haben.

Auf diesem Hintergrund sagt Paulus den Christen in Rom: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. Paulus mahnt uns, nicht zuerst das Böse beim anderen zu sehen. Wer sich von seinen eigenen Rachegedanken bestimmen lässt und seinem Nächsten heimzahlen will, ist vom Bösen schon überwunden. Gott will, dass ich zuerst die bösen Gedanken und negativen Reaktionen in mir entdecke und überwinde. Unsere geistlichen Väter haben es so formuliert: „Sich selbst bekriegen ist der schwerste Krieg, sich selbst besiegen ist der schönste Sieg.“ (Friedrich von Logau).

Wer das Böse in sich überwindet, kann auch die Bosheit des anderen leichter ertragen und gelegentlich mit Gutem begleichen. Wenn wir unsere Rachegefühle überwinden, können wir sachlich und gerecht mit zwischenmenschlichen Problemen umgehen und Frieden stiften. Übrigens: Christen wollen ja nicht den anderen besiegen, Christen wollen den andern gewinnen.
 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg