Geistlicher Impuls, Estomihi

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, Estomihi

Eine andere Form des geistlichen Impuls

da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls zum Sonntag Estomihi senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
1. Korinther 13, 1 - 13 Das hohe Lied der Liebe
(1) Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel.
(2) Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetze, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts.
(3) Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung [der Armen] austeile und wenn ich meinen Leib hingebe, damit ich verbrannt werde, aber keine Liebe habe, so nützt es mir nichts.
(4) Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig; sie neidet nicht; die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf,
(5) sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu,
(6) sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit,
(7) sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.
(8) Die Liebe vergeht niemals; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.
(9) Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise;
(10) wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden.
(11) Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war.
(12) Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie auch ich erkannt worden bin.
(13) Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.

Das "Hohelied der Liebe" gehört für mich zu den schönsten und kunstvollsten Stücken der ganzen Bibel. In seiner Schönheit und seinem Zusammenklang von sprachlicher Schönheit und tiefsinnigem Inhalt gibt es kaum Vergleichbares in der Dichtung. Goethe hat einmal gesagt, dass er alle seine Werke dahingeben würde, wenn er ein solches Kapitel schreiben könnte. Viele Brautpaare wünschen sich diese Epistel für ihre Trauung. Denn es sind Worte, die tief berühren und uns zugleich unerreichbar erscheinen. Doch Paulus will uns nicht überfordern, sondern will uns nahebringen, dass es ausreichend ist, wenn wir versuchen in unserem Leben diese Liebe, die wir von Gott geschenkt bekommen, nachzubuchstabieren und versuchen, sie umzusetzen. Und zwar die Liebe in all unserer Begrenztheit, in aller Gebrochenheit und Vorläufigkeit. Nicht nur unser Wissen und Reden sind "Stückwerk", auch all unser Lieben ist doch nur "Stückwerk. Liebe muss das Fundament sein. Es nutzt nicht, mit Engelszungen zu reden, oder Berge versetzen zu wollen oder gar auf alles zu verzichten. Liebe muss die Basis sein, auf der wir als Christen leben. Liebe ist die Kraft, die uns in Bewegung setzt. Paulus geht sogar so weit, die Liebe allem voranzustellen, vor den Glauben und vor die Hoffnung. Es ist die Liebe, die von Gott ausgeht, und die wir uns immer wieder schenken lassen dürfen. Diese Liebe Gottes vergeht nicht und sie hört auch niemals auf.

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.
Lied 654 Kehrvers
Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da.
1. Streck dich ihr entgegen, nimm sie in dich auf.
2. Sie kann alles verändern, macht das Leben ganz neu.
3. Nichts kann uns von ihr scheiden, was auch immer es sei.
4. Denn der Herr dieser Liebe, Christus Jesus, ist treu.

Der heutige Sonntag Estomihi - benannt nach dem Psalmwort: „Sei mir ein schützender Fels.“ - ist der letzte Sonntag vor der Passionszeit, die am Aschermittwoch beginnt.
Der Wochenspruch weist uns auf den Weg Jesu: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn.“ (Lukas 18, 31)

Der Weg von Jesus führt ans Kreuz. Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs nach Jerusalem und sagt ihnen unmissverständlich, was ihm an ihrem Reiseziel bevorsteht: Seine Geißelung, den Spott der anderen... Jesus geht seinem Leiden und Sterben entgegen, aber auch der Auferstehung. „Und damit“ sagt Jesus, „wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“

Was macht es so schwer, Gottes Wege zu verstehen? „Glaube fängt nicht da an, wo der Verstand aufhört, sondern da, wo der Widerstand aufhört.“ So hat Martin Buber es ausgedrückt. Wenn man im tiefsten Herzen nicht will, dann versteht man auch nicht. Ich musste am Anfang meines Lebens mit Jesus lernen: Erst ja sagen zu seinem Weg und dann erfahren, was er von mir will. Ich darf ja sagen im Vertrauen zu dem Jesus, der sein Leben für mich gegeben hat. Er will nur das Gute für mich.

Sind wir bereit, uns auf Gottes Wege einzulassen? Wie oft kann man im eigenen Leben feststellen: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“ Aber ist nicht gerade das spannend? Wir können Schritt für Schritt mit Jesus gehen. Er ist immer wieder überraschend anders, als wir meinen. Aber er weiß den Weg für mich, das ist genug. So bringt es ein Lied von Hedwig von Redern auf den Punkt.:
Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl;
das macht die Seele still und friedevoll.
Ist's doch umsonst, dass ich mich sorgend müh,
dass ängstlich schlägt mein Herz, sei's spät, sei's früh.

(EG 641, 1)
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir:

Vaterunser: Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg