Geistlicher Impuls, Invokavit

Geistlicher Impuls Invokavit

Geistlicher Impuls Invokavit

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, Invokavit

Eine andere Form des geistlichen Impuls

da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls zum Sonntag Invokavit senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
Jesus, der Lieblingsjünger und der Verräter Joh 13,21-30

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Die letzte Tage im Leben Jesu beginnen, und es ist ihm wichtig, seine Jünger darauf einzustimmen. Unmissverständlich zeigt er ihnen den Weg zum Kreuz auf. Einige der Jünger - wie Petrus, Judas und Johannes - rücken besonders in den Fokus. Petrus ist, wie so oft, ratlos und will über Johannes erfahren, was Jesus meint. Judas scheint der einzige zu sein, der versteht, was die Botschaft Jesu bedeutet. Wer ist nun eigentlich dieser Judas, der bis heute neben Petrus einer der bekanntesten Jünger ist und es sprichwörtlich bis in unsere Redewendungen gebracht hat? Bei der Anschuldigung „du Judas“, weiß jeder, das man den anderen als Verräter ansieht. Doch trotz seines Verrats ist und bleibt er ein Jünger Jesu. Ich bin auf eine Legende über das Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci gestoßen, das in der Mailäder Kirche Santa Maria delle Grazie hängt: Leonardo suchte für die Umsetzung dreizehn Modelle für das Bild. Zum Schluss fehlten ihm noch Jesus und Judas. Nach einiger Zeit findet er einen geeigneten jungen Mann, der für ihn die Reinheit ausstrahlt, die er für das Antlitz Jesus sucht. Er sitzt ihm Modell; das Haupt leicht geneigt, die Augen gesenkt. Judas dagegen ist lange Jahre gesichtslos. Dann findet er einen Mailänder mit gequälten Gesichtszügen und trostlosen Augen. Als er ihn fertig gemalt hat, abgewandt und mit verkrampften Gesicht, sagt dieser „Judas“ zu ihm: „Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt. ich habe dir schon einmal vor langer Zeit Modell gesessen“ und zeigt auf die lichte Gestalt Jesu. Leonardo versucht, Judas nicht aus der Jüngergemeinschaft auszustoßen, Er hat ihn ins Zentrum des Bildes gesetzt zwischen Petrus und Jesus Lieblingsjünger Johannes. Die Legende versucht der Spannung nachzuspüren im Zusammensehen von Jesus und Judas. Es ist eine Anspielung darauf, dass in uns Menschen viele Facetten verborgen sind. In Judas wird uns diese Mehrdeutigkeit des Menschen offenbart: Judas der Jünger, Judas der Verräter, Judas der Heilerfüllungsgehilfe, Judas der Ungeduldige. Judas und sein Leben hat die Menschen schon immer sehr bewegt. In seinem Büchlein „Der Fall Judas“ hat Walter Jens eine Lanze für Judas gebrochen. Er schreibt: „Judas sei ein Teil des göttlichen Heilsplans, indem er den Weg Jesus zum Kreuz bahnt. Ohne Judas kein Kreuz, kein Heil für die Völker, also auch keine Kirche.“ Das sind sehr nachdenkenswerte Sätze von Water Jens, die uns durch die Passionszeit begleiten können und anregen, uns mit der Spannung und Mehrdeutigkeit in uns Menschen auseinanderzusetzen.
Lied 347
1. Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.
2. Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert, dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.
3. Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht;dein Wahrheit uns umschanze,damit wir irren nicht.
4. Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr; dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.
5. Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held, dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.
6. Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott; Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

Mit dem heutigen Sonntag Invokavit stehen wir am Beginn der diesjährigen Passionszeit, in der wir uns an das Leiden und schließlich Sterben Jesu erinnern. Die liturgische Farbe zeigt violett und deutet damit an: es ist Bußzeit - Zeit, ganz bewusst innezuhalten, sein bisheriges Leben zu überdenken und zu Gott umzukehren. Invokavit; wörtlich übersetzt „Er hat gerufen.“ Das bezieht sich auf Gottes Zusage in Psalm 91,15: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“

Das ist eine Aufforderung und zugleich Mut machende Zusage. Gleichzeitig wird an dieser Stelle noch etwas ganz Anderes deutlich: Gott ist ein zurückhaltender Gott, der meine Grenze respektiert... Seit Aschermittwoch sitzen wir gewissermaßen im Aschenhaufen und schauen uns unser Leben und im besten Fall auch unser Verhältnis zu Gott an. Die Asche steht für Buße und Umkehr, also Erkennen und Kurskorrektur. Wir haben die Möglichkeit, in dieser Zeit die Grenze zu erkennen, an die wir in unserem Leben geraten sind. Und damit haben wir auch die Möglichkeit, unser Verhalten zu erkennen, das uns an diese Grenze gebracht hat. Das wäre dann also die Not aus dem Psalm 91. Und was dann zu tun ist, wissen wir jetzt: Gott anzurufen, ihm uns in unserer Grenzerfahrung, unserer Not zu zeigen. Und dann wird er sich auch uns zeigen, weil er uns erhört. Invokavit – Er ruft mich an. Ich rufe ihn an, wenn ich an meine Grenze komme.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir:

Vaterunser: Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg