Geistlicher Impuls, Quasimodogeniti

Vater unser...

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Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, Quasimodogeniti

Eine andere Form des geistlichen Impuls

da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls zum Quasimodogeniti senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
Johannes 21, 1-14

Gottes Fülle übersteigt mein Fassungsvermögen. Schon über die Jünger am See Tiberias heißt es in der Bibel im Blick auf ihr Fischernetz:
„Und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.“

In der Osterzeit machen die Jünger die Erfahrung der Fülle. Dazu kommt es, weil sieben Männer auf das hören, was Jesus ihnen sagt. Dabei machen sie eine Gotteserfahrung. Christus, der an Ostern von den Toten auferstanden ist, begegnet ihnen, und zwar nicht in einem Heiligtum, sondern an einem Seeufer, wo Muscheln liegen, Schilf wächst und es nach Algen riecht.
„Ich gehe fischen“, sagt Simon zu den andern. Er will sich wieder ganz in den Beruf stürzen. Das lenkt von der Trauer ab. Noch wirkte ja der Schock über das schaurige Geschehen auf Golgatha nach. Man kann sich vorstellen, welche Gedanken Petrus und seiner Frau durch den Kopf gingen: Wenn du zupackst, wirst du bald wieder ganz der Alte sein, wie du gewesen bist, bevor du mit Jesus unterwegs warst. Wenn du auf den See hinausfährst, wirst du dabei allmählich vergessen, wie kläglich du versagt hast, nachdem Jesus verhaftet worden war. Zuvor hattest du den starken Mann gespielt und mit großen Worten erklärt, dass du Jesus die Treue halten würdest bis in den Tod.
Auch auf Petrus, der sich so viel vorgenommen hatte, war am Ende kein Verlass. Er hat Christus verlassen, sogar verleugnet. Was soll einer machen, der sein Versprechen gebrochen hat? Petrus tut, was viele in ähnlicher Lage tun, und was sie ihm daher auch raten würden, - er stürzt sich bis über beide Ohren in seine Arbeit. „Ich gehe fischen“, sagt er und die sechs anderen sagen: „Wir kommen mit dir.“ Und so gingen sie hinaus und stiegen in das Boot und begannen mit ihrer Nachtschicht auf dem See. Ähnlich wie im Schlager: „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, ziehn die Fischer mit ihren Booten ins Meer hinaus …“
Am See Tiberias ging’s freilich weniger poetisch zu als bei Capri. Die Männer schufteten die ganze Nacht. Aber es kam nichts dabei heraus: „und in dieser Nacht fingen sie nichts“.
In diesem Satz ist eine Erfahrung eingefangen, die viele Menschen in ihrer Arbeit machen. Trotz aller Mühe geht ihnen nichts in’s Netz. Arbeit ohne Ertrag, - sie ist der Bibel nicht fremd. Und Jesus nimmt teil an dieser Situation. Wir lesen bei Johannes: „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“ Und er fragte sie: „Habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein“. In dieser Antwort kommt die Misere der Männer am See Tiberias an’s Licht. Sie hatten wirklich nichts zu essen. Aber der geheimnisvolle Fremde greift ein in ihr kärgliches Leben. „Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“ Der Satz, den Jesus sagt, ist ein Gebot: „Werft das Netz aus!“, aber zugleich eine Verheißung: „So werdet ihr finden.“ Die Männer lassen sich darauf ein, zogen an ihrem Netz und „konnten‘s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.“ Als das Netz an Land ist, wird nachgezählt: 153 große Fische. Durch die große Zahl wird uns gesagt, dass Jesus Christus die Fülle schenkt, weit mehr, als wir brauchen. Freilich, wenn er uns schenkt, was wir brauchen, ja sogar mehr, als wir brauchen, - wir werden dennoch sehr vergesslich sein und bald alles für selbstverständlich halten. Alle guten Gaben, die wir in unserem Leben empfangen, sind Geschenke Gottes. Auch unser tägliches Brot hat es mit Christus zu tun. „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“ Christus hat uns das Vaterunser anvertraut mit der Bitte: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Martin Luther hat diese Bitte so ausgelegt: „Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er’s uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.“ In unserer Ostergeschichte kümmert sich Christus persönlich um die Jünger, die nichts zu essen hatten. Trotz ihrer Anstrengungen standen sie zunächst mit leeren Händen da. Erst durch das Eingreifen des Herrn wird der Fischzug der Jünger überreich gesegnet.
Ich finde das tröstlich, dass Christus nach seiner Auferstehung von den Toten so fürsorglich teilnimmt am alltäglichen Dasein der Lebenden. Unsere Ostergeschichte sagt: „Als sie nun an’s Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot.“
Der Holzkohlengrill am Seeufer dient nicht zum Vergnügen beim Fest des Anglervereins, sondern ist bitter nötig für die hungrigen Männer. Ich finde es tröstlich, dass Jesus so ist. Dass er, „am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten“, keineswegs sagt: Eure irdischen Sorgen interessieren mich jetzt nicht mehr. Ich habe nur noch den Himmel im Kopf. Irdische Dinge sind unwesentlich. Nein, so nicht! Sondern Jesus nimmt teil am alltäglichen Leben der Seinen. Er fragt nach ihren Sorgen, wenn der Erfolg ausbleibt und Zweifel sich melden. Christus setzt sich mit den Seinen zum Essen. In der Ostergeschichte bei Johannes „spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl!“ Der auferstandene Jesus wird in der Bibel nicht als „Außerirdischer“ beschrieben, sondern eher als „Innerirdischer“. Zwar nicht mehr gebunden an den Raum, wie wir. Auch nicht mehr gebunden an die Zeit, wie wir. Sondern frei von Raum und Zeit. Aber frei dazu, in Raum und Zeit voller Fürsorge teilzunehmen am alltäglichen Leben der Seinen. An seiner Hingabe für die Seinen wird er erkannt. „Da spricht der Jünger, den Jesus liebhatte, zu Petrus: Es ist der Herr!“ Danach sucht Petrus wieder die Begegnung mit Jesus, den er zuvor verleugnet hatte, und die sieben Männer erleben, wie Jesus selbst sie einlädt und bewirtet. „Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl!“ Jesus „nimmt das Brot und gibt’s ihnen. Desgleichen auch den Fisch.“
Wenn Gott uns aus seiner Fülle beschenkt, ist alles klar. Angesichts der Fülle der Klarheit Gottes verstummt die Frage: „Wer bist du?“ Denn wir wissen: „Es ist der Herr.“
(Prälat i. R. Dr. Helmut Barié, Ettlingen)
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir:

Vaterunser: Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg