Geistlicher Impuls zum Reformationstag

Reformationstag

Reformationstag

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls zum Reformationstag

Eine andere Form des geistlichen Impuls

Da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls zum Reformationstag senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
Im Römerbrief Kapitel 1 Vers 17 heißt es:

„Die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart, wie geschrieben steht:
Der Gerechte lebt aus dem Glauben.“

Martin Luther, unser Reformator, hat sich auf den Knien beugend sehr mit der Gerechtigkeit Gottes beschäftigt. Als Luther diese Stelle im Römerbrief las, schreibt er: „Da begann ich die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen zu lernen als die Gerechtigkeit, in welcher der Gerechte durch Gottes Geschenk lebt, und zwar aus Glauben.“ „Hier fühlte ich mich völlig neu geboren und als wäre ich durch geöffnete Pforten in das Paradies selbst eingetreten.“
Diese Entdeckung Luthers, das sogenannte „Turmerlebnis“, ist die geistliche Wurzel der Reformation.“ Am Reformationstag, dem Tag des Thesenanschlags erinnern wir uns an unsere Wurzeln. Nicht umsonst wählte Martin Luther den 31. Oktober 1517, um an diesem Tag seine 95 Thesen zu veröffentlichen. Sie wirkten wie ein gewaltiger Hammerschlag. „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“, schreibt Paulus.
Mit diesen Worten könnte man die 95 Thesen von Martin Luther in einem einzigen Satz zusammenfassen. Kein Gesetz, keine Vorschriften, keine Ablassbriefe sollen zwischen dem Menschen und Gott stehen. Allein der Glaube an Jesus Christus macht den Menschen vor Gott gerecht. Martin Luther hatte alles versucht, um sich vor Gott zu rechtfertigen. Er hatte alle Vorschriften und Gesetze immer und immer genauer befolgt und kam damit an seine Grenzen, bis er im Römerbrief diese erlösenden Worte des Paulus las: „... und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ Diese Erkenntnis veränderte sein Leben völlig. Sie machte ihn frei von den Zwängen, die er sich auferlegt hatte. Gott akzeptiert mich, so wie ich bin, wenn ich mich ihm vertrauensvoll zuwende. Da ist die befreiende Erkenntnis, die bis heute gilt. Luthers Thesen waren als Diskussionsgrundlage gedacht und nicht mehr, aber sie brachten das damalige Weltbild ins Wanken. Vor dem Reichstag bekannte sich Martin Luther zu seiner neuen Erkenntnis von der Gnade Gottes. Dort sagte er die berühmten Worte: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen."
Auf dem Rückweg von Worms wurde er zu seiner eigenen Sicherheit auf die Wartburg bei Eisenach gebracht, wo er in unermüdlicher Arbeit die Bibel in die deutsche Sprache übersetzte. Damit gab er dem Volk die Bibel in die Hand. Durch seine Übersetzung, denn diese wurde überall gelesen, schuf er eine einheitliche deutsche Sprache. Luthers Erkenntnis ist für uns immer noch von grundlegender Bedeutung.

Allein durch die Heilige Schrift spricht Gott zu uns, allein durch Jesus Christus werden wir gerettet. Allein aus Gnade handelt Gott an uns ohne Ansehen der Person, allein aus dem Glauben an Jesus Christus erklärt Gott die Menschen für gerecht. Allein die Heilige Schrift, allein Jesus Christus, allein die Gnade Gottes, allein der Glaube.

Lied 299
1. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen. Dein gnädig’ Ohren kehr zu mir und meiner Bitt sie öffne; denn so du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist getan, wer kann, Herr, vor dir bleiben?
2. Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben; es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben. Vor dir niemand sich rühmen kann, des muss dich fürchten jedermann und deiner Gnade leben.
3. Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.
(Text: Martin Luther)

Alles Luther, oder was?
Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass das Reformationsfest nur ein reines Luthergedenken ist. Dabei waren vor 500 Jahren viele Männer und auch Frauen an den Prozessen beteiligt, die wir im Rückblick Reformation nennen. Damals ging es nicht um Personen, sondern um die Sache. Was ist Kirche und wofür ist sie da? Darüber wurde gerungen. Inzwischen wird dieser Tag auch im Geist der Ökumene gefeiert.

Zum Evangelium zurückkehren - das war das Anliegen der Reformation: die Botschaft der Schrift vernehmen, das „was Christum treibet“, was Gerechtigkeit bewirkt, was den Glauben gründen kann. Beim Evangelium bleiben in allen Herausforderungen und Gefährdungen, bei allem Widerstreit der Meinungen und Lehren, achtsam zu unterscheiden, was Gottes Sache ist und was des Menschen. Dem Evangelium folgen und es zu den Menschen bringen, aus dem Wort heraus sich zu erneuern, im Leben den Glauben zur Geltung bringen, in dem sich das Leben stets durch den Glauben verändern lässt. Gottes Wort annehmen und bewahren, aus Glauben leben und handeln – das ist, woran uns das Reformationsfest alljährlich erinnert. Sein Evangelium als Grund unseres Lebens soll den Maßstab abgeben für unser Reden und Tun. Dass wir auf seinen Wegen gehen, dazu schenke uns Gott den Geist der Liebe und Besonnenheit.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg