Geistlicher Impuls, Reminiszere

Pfarrstelle Evangelisches Stift Freiburg ・Evangelisches Stift Freiburg

Geistlicher Impuls, Reminiszere

Eine andere Form des geistlichen Impuls

da es zur Zeit keine Gottesdienste geben darf, möchte ich Ihnen gerne auf diesem Weg einen geistlichen Impuls zum Sonntag Reminiszere senden, Sie alle herzlich grüßen und Ihnen vor allem Gottes Schutz und Segen wünschen.
 

Ihre Stiftspfarrerin

Ulrike Oehler


 
Das Weinberglied des Jesaja: „Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen wer-den, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ (Jes 5, 1-7)
Der Weinberg gilt in biblischen Texten meist als Symbol für Wohlstand oder auch als Sinnbild für die Menschen und ihre innigen Beziehungen. Das Weinberglied des Propheten Jesaia spiegelt hingegen eine Beziehungskrise zwischen Gott und den Menschen. Das Weinberglied des Jesaja erinnert an ein großes Orchesterwerk. So vielschichtig ist es in seinen Stimmungen und Klangfarben. Da beginnt einer ein Liebeslied zu singen, über die wunderbare Beziehung zwischen einem Weinbergbesitzer und seinem Weinberg.
Man sieht geradezu wie der Weinbergbesitzer voller Stolz in seinem Weinberg von Rebe zu Rebe geht und sich von Herzen daran freut. Dann wechselt das Lied in einen Arbeitsbericht. Es wird besungen, was der Weingärtner alles in diesen Weinberg an Arbeit und Mühe hineingesteckt hat. Er hat umgegraben, entstein, gepflanzt, eine Mauer, einen Turm und eine Traubenpresse gebaut, um dann mit Geduld zu warten, dass sich gute Trauben entwickeln.
Der Weinbergbesitzer hat sein Möglichstes getan. Man könnte meinen, dass er nun auch ernten kann, was er gesät hat. Aber es kommt der Paukenschlag: nichts als schlechte Trauben! Enttäuschung und blinde Wut folgen. Wer kennt sie nicht, solche extremen Gefühle, wenn die Dinge nicht so laufen wie wir es uns gewünscht haben. Wenn wir enttäuscht sind, dass jemand nicht Wort gehalten hat oder man sich auf eine Absprache nicht verlassen konnte.
Die kleinen und großen Enttäuschungen, Verärgerungen und Niederlagen prägen unseren Alltag. Dabei gibt es unterschiedliche Arten, ihnen zu begegnen. Manche reagieren cholerisch, andere melancholisch und wieder andere üben sich in Gleichgültigkeit. Der Weinbergbesitzer im Weinberglied des Jesaja ist außer sich. In der 3. Strophe weiß er ein donnern-des Lied zu singen in dem er all seinem Ärger Luft macht. Nun möchte er alles dem Erdboden gleich machen. Einreißen, zertreten, brach liegen lassen. Sogar die Wolken sollen auf diesen Acker nie mehr regnen. Wer sich so vergisst, vor dem nimmt man lieber Reißaus. Denn das kann ungemütlich werden und eine Weile dauern, bis es sich beruhigt. Ja, wenn man enttäuscht ist, kann es passieren, dass solch eine Wut aufkommt. Da knallen dann schon einmal Türen oder Teller zerspringen. Das Überraschende bei Jesaja: Er spricht nicht von Menschen – der Weinbergbesitzer, so löst er es in der letzten Strophe des Liedes auf, ist Gott selbst. Und dieser Gott singt nun zornig ein Klagelied über die Menschen, die er liebt und die er gehegt und gepflegt hat, wie ein Winzer seinen Weinstock. Es scheint als spiegelt das Variationen-reiche Lied im Prophetenbuch Jesaja eine Beziehungskrise zwischen Gott und den Menschen.
Kann man sich das vorstellen? Darf man sich das vorstellen? - Gott wütend und außer Rand und Band, weil die Menschen Unrecht und Bosheit leben und zulassen? Weil sie – im Sprachgebrauch des Liedes – keine guten Früchte bringen. Weil sie die Welt und einander unterdrücken und ausbeuten, weil sie ihren Vorteil suchen und böse Worte zum Alltag gehören?
Aber ist Gott nicht der Gnädige? Martin Luther hat den gnädigen Gott entdeckt - wiederentdeckt sozusagen, weil er am strengen und gerechten Gott fast zugrunde gegangen wäre. Gott war für ihn bis dahin nur so etwas wie der Spiegel seiner eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler. Gott war für ihn kein Weingärtner, der sich liebevoll um seinen Weinberg kümmert. Mit dem zürnenden und strafenden Gott hat Luther gerungen und dabei den gnädigen Gott gefunden, an den man sich mit allen Problemen seines Lebens wenden kann, der verlässlich zuhört und weiterbringt, wo ich es nicht schaffe.
Zu diesem Gott beten Menschen in der Not, ihm vertrauen sie selbst in den Abgründen, die manchmal haltlos machen. Auf sein Wirken hoffen sie in allen Veränderungen und Umbrüchen. Ja, das ist der gnädige Gott, den Menschen aufsuchen und der der Grund ihres Glaubens ist. An den sie sich halten, wenn sie nicht mehr wissen, wie es weiter geht. An diesen Gott darf ich mich hängen, wie die Klette am Kleid, wie es Katharina von Bora, einmal ausgedrückt haben soll. Mich an Gott zu wenden hilft mir in den Stunden, in denen ich ratlos oder verzweifelt bin – da gibt es eine Adresse, bei der ich gehört werde. Aber genau von dort werde ich auch angefragt: Was tust du, wie lebst du, wie gehst du mit anderen um? Bist du offen für Neues? Siehst du, wo du etwas ändern musst? Trägst du durch dein Verhalten etwas dazu bei, dass gerechte Lebensverhältnisse für alle Menschen weltweit Wirklichkeit werden? Förderst du in deinem Umfeld den Frieden?... Mein Verhältnis zu Gott ist keine Einbahnstraße. Ich werde nicht nur beschenkt, sondern das Geschenk ist auch eine Verpflichtung. Wo ich nur einseitig den gnädigen Gott sehe, hinter dem sein Anspruch und seine Vision für diese Welt verblassen, da fehlt etwas Grundlegendes. Der Glaube, die Beziehung zu Gott erfordert echte Arbeit. Das wird in der Kirche vielleicht nicht so oft gesagt. Aber es deckt sich mit dem, was das Weinberglied im Jesajabuch auf seine Weise mit den guten Früchten ausdrückt. Beziehungen brauchen Nährstoffe, wollen beackert werden, müssen sich entwickeln und brauchen Zeit. Glaube geht nicht schnell und billig. Aber es lohnt sich, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.
In diesem Glauben und Vertrauen beten wir:

Vaterunser: Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser Tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Carsten Jacknau

Vorstand des Evangelischen Stift Freiburg